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 Betreff des Beitrags: Das Verhängnis - Joy Fielding
BeitragVerfasst: 29. Sep 2012, 23:05 
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So fängt es an.
Mit einem Witz.
»Also, kommt ein Mann in eine Bar«, begann Jeff und gluckste schon. »Er sieht einen anderen Mann, der griesgrämig an der Theke sitzt und an seinem Drink nippt. Vor ihm stehen eine Flasche Whiskey und ein winziges Klavier, auf dem ein ebenso winziger Mann spielt. >Was ist los? Trinken Sie einen mit Wünsch dir was Du sollst bekommen, was immer du begehrst. Das ist leicht Ich will zehn Millionen in kleinen Scheinen. Was zum Teufel soll das? Bist du taub? Ich hab gesagt zehn Millionen in kleinen Scheinen. Nicht zehn Melonen in kleinen Schweinen. Was? Glauben Sie, ich hätte mir einen dreißig Zentimeter langen Pianisten gewünscht? kleiner Bruder der große Gewinner des Abends.«
»Bist du sicher, dass sie Will ausgewählt hat?«, fragte Jeff, als müsste er es noch einmal hören, um es zu glauben.
Kristin zuckte die Achseln. »Offenbar hatte sie schon immer eine Schwäche für Männer mit Button-down-Hemden.«
Tom lachte und genoss die unerwartete Wendung des Abends. Er hasste es genauso zu verlieren wie Jeff. Vor allem gegen einen blasierten Blödmann wie Will. »Der Auserwählte«, wie Jeff ihn immer genannt hatte. Das war er jetzt verdammt noch mal wirklich.
»Was gibt's da zu lachen?«, fauchte Jeff. »Du hast gerade hundert Dollar verloren, du Schwachkopf.«
»Du auch. Außerdem schmerzt es dein Ego mehr als dein Portemonnaie.« Tom lachte wieder. »Keine Sorge. Das passiert uns allen mal.« Es würde Jeff guttun, einmal zu spüren, wie sich die Zurückweisung anfühlte, die er fast sein ganzes Leben lang ertragen musste, dachte Tom. Ein bisschen Demut hatte noch keinem geschadet.
Jeff sagte nichts, aber sein finsterer Blick war beredt genug.
»Außerdem«, fuhr Tom fort und trank sein Bier aus, »haben wir noch keinen Cent verloren, bis er die Braut nicht klargemacht hat.«
Jeffs Schultern entspannten sich sofort wieder, als hätte er die Zurückweisung wie ein ungeliebtes Jackett abgeschüttelt. Sein Lächeln kehrte zurück. »Das stimmt, kleiner Bruder«, sagte er und klopfte Will vielleicht ein wenig zu heftig auf die Schulter. »Der Abend ist noch jung. Es bleibt noch viel zu tun. Deine Prüfung fängt gerade erst an.«
Wills Mund wurde trocken, seine Handflächen wurden feucht. Er hatte Prüfungen schon immer gehasst. Und diesmal war es kein verknöcherter alter Professor, der ihn beurteilen sollte, sondern sein geliebter älterer Bruder. Ein Bruder, den zu beeindrucken er sich jahrelang - vergeblich - bemüht hatte. »Was soll ich tun?«, flüsterte er, unsicher, ob er bei dieser speziellen Prüfung besser bestehen oder durchfallen sollte.
»Da kann ich dir auch nicht helfen, kleiner Bruder. Da musst du schon allein durch.«
»Du könnest sie vor unseren Augen auf dem Tisch durchbumsen«, schlug Tom grinsend vor.
»Warum bringst du ihr nicht diesen Drink«, sagte Kristin und hielt ihm einen frisch gemixten Granatapfel-Martini hin.
Will nahm ihr das Glas aus der Hand und schaffte es nur mit schierer Willenskraft, nichts zu verschütten. Es war schon schlimm genug, dass Jeff und Tom garantiert jede seiner Bewegungen beobachteten. Er wollte ihnen auf keinen Fall die Befriedigung gönnen, seine Hände zittern zu sehen. Er atmete tief ein, setzte ein gezwungenes Lächeln auf, drehte sich auf dem Absatz um und setzte einen Fuß vor den anderen wie ein Kleinkind, das laufen lernt.
»Sei nett zu ihr«, rief Tom ihm nach.
Was war nur mit ihm los, fragte Will sich. Er spürte alle Blicke auf sich gerichtet, als er den Raum durchquerte. Schließlich machte er so etwas nicht zum ersten Mal. Er war schon mit vielen Mädchen ausgegangen und beileibe keine Jungfrau mehr, obwohl es alles in allem doch nicht so viele Mädchen gewesen waren, wie er sich eingestehen musste. Und seit Amy gar keine mehr. Verdammt, warum musste er gerade jetzt an sie denken. Er wollte den Gedanken mit aller Macht vertreiben und stieß dabei unwillkürlich die rechte Hand vor, sodass pinkfarbene Flüssigkeit auf seine Finger tropfte.
Suzy beobachtete seinen Anmarsch von ihrem Stuhl hinter dem Tisch. Ihre Augen funkelten verspielt, als er näher kam. Will war immer noch überzeugt, dass ein Irrtum vorliegen musste. Sie hatte bestimmt gemeint, dass Kristin Jeff rüberschicken sollte. »Was willst du denn hier?«, konnte er sie förmlich fragen hören.
»Lächeln, Kleiner«, sagte sie stattdessen. »Nimm dir einen Stuhl.«
Will zögerte, wenn auch nur kurz, ehe er tat, was sie gesagt hatte. Er zog sich den nächstbesten Stuhl heran, ließ sich wie ein Idiot grinsend darauf sinken, stellte den Drink auf den Tisch und schob ihn zu ihr rüber. »Für dich.«
»Vielen Dank. Trinkst du nichts?«
Will merkte, dass er sein Bier an der Bar vergessen hatte. Auf keinen Fall würde er zurückgehen und es holen. »Ich bin Will Rydell«, sagte er. Nicht gerade genial, das wusste er selber. Jeff wäre bestimmt etwas Provokanteres eingefallen. Verdammt, wahrscheinlich hätte sogar Tom etwas Forscheres hingekriegt, als nur seinen Namen zu nennen.
»Suzy Bigelow.« Sie beugte sich vor, als hätte sie etwas Wichtiges mitzuteilen, also tat er es ihr nach. »Sollen wir gleich zur Sache kommen?«
»Okay«, sagte Will und dachte: Welche Sache? Wovon redete sie? Er hatte das Gefühl, in einen Film geraten zu sein, der schon seit zehn Minuten lief.
»Was ist der Einsatz?«, fragte sie.
»Was?«
»Soweit ich weiß, habt ihr Typen eine Wette laufen«, sagte sie und riss ihre leuchtenden blauen Augen auf, damit er bestätigte, was sie offensichtlich schon wusste.
»Was genau hat Kristin dir erzählt?«
»Die Kellnerin? Nicht viel.«
»Genau genommen ist sie Barkeeperin.« Will biss sich auf die Zunge. Musste er sich gleich als Besserwisser aufspielen? Wenn er nicht aufpasste, würde er alles vermasseln. »Was hat sie denn gesagt?«
»Dass ihr drei irgendeine Wette laufen habt und ich dich glücklich machen könnte, wenn ich dich auswähle.«
Will spürte ein flaues Gefühl im Magen, und der Mut verließ ihn. Erklärte sie ihm, dass Kristin das Ganze nur inszeniert hatte und er eigentlich gar nichts gewonnen hatte?
»Wie viel kriegst du, wenn wir zwei hier zusammen rausgehen?«
»Zweihundert Dollar«, gab Will kleinlaut zu.
Sie schien beeindruckt. »Wow. Nicht übel.«
»Es tut mir leid. Wir wollten dich nicht beleidigen.«
»Wer sagt denn, dass ich beleidigt bin? Das ist eine Menge Geld.«
»Wenn du möchtest, kann ich wieder gehen.«
»Wenn ich wollte, dass du gehst, hätte ich dich gar nicht erst gebeten zu kommen.«


2012, 432 Seiten, Maße: 11,7 x 18,7 cm, Taschenbuch, Deutsch
Übersetzung: Lutze, Kristian Goldmann ISBN-10: 3442473500 ISBN-13: 9783442473502 Erscheinungsdatum: 20.02.2012


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